|
|
|
Mehr
als zwölf Jahre sind seit jenen denkwürdigen Tagen vergangen, an denen
sich Slowenien als erste ex-jugoslawische Republik für unabhängig erklärte
und weitgehend unblutig seine Staatsgründung erstritt. Heute ist
Slowenien in vieler, wenn auch nicht jeder Hinsicht in der EU
angekommen. Von seiner Mittelmehrküste bis zum 2800m hohen Triglav hat
das Land touristisch, kulturell und kulinarisch eine Menge zu bieten. |
|
Die
etwas mehr als eine Million Slowenen sind sehr gastfreundlich, und viele sind
speziell den Deutschen gegenüber positiv eingestellt – war es doch die
Bundesrepublik mit dem damaligen Außenminister Genscher, die Slowenien als
erster ausländischer Staat anerkannte. Außerdem gilt das Land als sportverrückt.
Slowenien stellt eine überaus passable Fußballmannschaft, die sich immerhin für
die letzten Welt- und Europameisterschaften qualifiziert hat, und hat eine Reihe
starker Wintersportler, so zum Beispiel die Skispringer und traditionell auch
die Alpinen. In Sachen Sport sagt man den Slowenen Experimentierfreude und einen
leichten Hang zum Extremen nach.
Bühne
frei also für den Slowenischen Alpen Marathon!
|
|
Das
Rennen findet dieses Jahr bereits in der dritten Auflage statt. Im
Gegensatz zu dem eine Woche vorher stattfindenden 75km-Straßenlauf
Celje-Logarska Dolina, der auch zum Ultramarathon-Europacup zählt,
handelt es sich beim SAM, wie ihn die Veranstalter liebevoll nennen, um
einen anspruchsvollen Berg- und Geländelauf, in dem die Spezialisten
und Genießer voll auf ihre Kosten kommen. Es
stehen drei Strecken über 10, 35 und 50km zur Auswahl, wobei die Königsdisziplin
über 50km mit ihren +1690 / -1265m Höhenmetern schon allein von der
Papierform ein Wort ist. |
|
Start
des 50km-Laufs in Preddvor |
Gelaufen
wird auf einem Punkt-zu-Punkt-Kurs um dem 2132m hohen Storzic durch die direkt
hinter dem Karawanken-Tunnel liegenden Gemeinden Preddvor, Trzic und Jezersko.
Dieses Jahr wurde mit insgesamt 237 gemeldeten Teilnehmern aus 14 Ländern und fünf
(inoffiziell sogar sechs) Kontinenten drei neue Rekorde aufgestellt. Auch wurde
beim 50er die magische 100-Starter-Grenze erstmals übertroffen.
Die
Startnummernausgabe findet in Preddvor in dem an einem malerischen kleinen See
gelegenen Hotel Bor statt. Jeder Starter wird per Handschlag begrüßt, und die
ausländischen Teilnehmer werden von dem speziell für ihre Betreuung zuständigen
Milan Jeler extra umsorgt.
|
|
Das
gesamte Handling ist professionell, man bekommt seine Tüte mit der
Startnummer und einem Hemd im Pfadfinder-Stil und SAM-Logo, für das
Renn-Briefing gibt es eine Powerpoint-Präsentation, und für alle
kleinen und größeren Probleme, die so vor einem Rennen auftreten können,
findet sich eine Lösung. Das Startgeld ist mit je nach Wettkampf 5 bis
15 Euro moderat. Die obligatorische Pasta-Party findet auf der Terrasse
direkt am See statt – keine Hektik, keine Schlangen, völlig
entspannt, in fast familiärer Atmosphäre. |
Der
Start ist am nächsten Morgen um 8 Uhr neben der Schule von Preddvor. Nachdem es
in den Tagen vorher geregnet hat und die Schneefallgrenze auf unter 2000m
gefallen war, zeigt sich das Wetter nun von seiner freundlichsten Seite: es ist
sonnig und frisch. Im Rennverlauf sollten Wolken aufziehen, aber etwas Regen
kommt erst nachmittags, so dass man von optimalen Laufbedingungen sprechen kann.
|
Die
ersten 16km bis Trzic läuft man in weitgehend flachem Gelände auf der
Strasse oder auf, von den Slowenen „Macadam“ genannten,
Schotterwegen. Es bleibt also genügend Zeit, den Rhythmus zu finden und
Eindrücke von der Strecke zu sammeln. Man läuft durch Felder, Wiesen
und Obstgärten, manchmal auch durch Wald. In den Dörfern und Weilern
prallt das seit Jahrhunderten gleich gebliebene, bäuerliche Leben auf
die moderne heutige Lebensweise. Auffällig ist auch die hohe Bautätigkeit
– fast jedes zehnte Haus ist ein Rohbau. |
|
|
Macadam
vom feinsten |
Nur
eine Handvoll Zuschauer wollen unser Treiben wirklich sehen, von der alten Frau,
die im Garten ein paar Äpfel sammelt, oder den jungen Bauarbeitern bekommen die
Läufer aber ein freundliches Winken oder ein anerkennendes Kopfnicken.
Verpflegungsstellen haben die auch in dieser Hinsicht professionellen
Veranstalter mehr als genug eingerichtet. Es gibt ungefähr alle drei Kilometer
Wasser, Elektrolyt, Tee sowie Bananen- und Müsliriegelstücke. Wir Läufer fühlen
uns in guten Händen.
In
Trzic, wo auch der Start des 35km-Laufs ist, trifft man auf eine größere
Gruppe Zuschauer, die richtig Stimmung machen. Sehr nett! Auch in der Stadt ist
die Strecke nicht abgesperrt, so dass man teilweise um Fußgänger, Radfahrer
und im Schritttempo fahrende Autos kurvt – was aber nicht weiter stört. Am
Ende des Orts läuft man ein paar hundert Meter hoch, bis man bei genau 16,9km
von zwei Streckenposten nach rechts gewiesen wird.
Auf den
ersten Blick sieht man, dass ab hier Schluss mit Lustig ist: man läuft fast in
der Falllinie auf einem Pfad durch dichten Wald den Berg hoch.
|
|
Die
teilweise sehr steilen Passagen erinnern etwas an das Anfangsstück von
Sierre-Zinal, mit dem Unterschied, dass die Pfade nicht so wegsam sind.
Sie sind teilweise sehr eng, an manchen Stellen gibt es sehr viele
Wurzeln, anderswo wieder diesen groben Schotter. Das macht das Laufen
manchmal etwas unrhythmisch. Auf den nächsten 8,8km klettert man auf
diese Weise fast 1000 Höhenmeter, bis man auf der Alm Sija den ersten
Steigungsteil geschafft hat. Die Spitzenläufer kommen hier nach ungefähr
zwei Stunden vorbei. |
|
Girls
having fun – Nadine Dobry und Mary Chambers |
Bis
ungefähr 35km läuft man anschließend in einer wirklich wunderschönen
Mittelgebirgslandschaft. Da man in der Nähe der Baumgrenze läuft, hat man öfters
einen tollen Blick über die slowenischen Alpen.
|
Hier
oben läuft man von Alm zu Alm und teilt sich die Strecke dabei manchmal
mit Vierbeinern, die den ganzen Tag „Alpin laufen“: die Bauern haben
Kühe, Schafe und Ziegen. Hier oben ist auch ein geniales, leider nur
200 oder 300m langes Stück, das der Favorit einer Menge Teilnehmer ist.
Es handelt sich um eine fast topfebene Alm mit unwirklich grünem, ganz
kurzem Gras, das jedem Green eines englischen Golfplatzes Ehre machen würde.
Die Greenkeeper sind weiß mit schwarzen Flecken und halten sich auf
Distanz, und die Teilnehmer schweben oder fliegen mit entrücktem Lächeln
im Gesicht über den Abschnitt. Klasse. |
|
|
Tanja
Krapez, schnellste Frau über 50km |
Für
den Anstieg zum höchsten Punkt auf 1665m bei km 37,1 muss man noch mal fast
300m hoch. Der Streckenposten in der Steigung gewinnt den Preis für den
originellsten Service, reicht er einem doch die Drinks in voller Montur
einschließlich Mütze und Handschuhe auf einem Tablett. Abgesehen davon hat man
auf diesem Abschnitt relativ wenig zu lachen, denn neben der Steigung schlägt
man sich nun auch mit heftigem Gegenwind herum.
|
|
An
der Staatsgrenze nach Österreich dreht man wieder ab und erreicht bald
eine Art Hochplateau, auf dem man für die nächsten Kilometer bleibt.
Dieser Bereich der Strecke mit seinem anspruchsvollen Untergrund würde
wieder so manchem Crosslauf alle Ehre machen. Richtig schnell laufen können
hier nur technisch wirklich versierte, sehr trittsichere Läufer. Für
alle anderen geht’s eben etwas langsamer. Die hier anscheinend mehr
zufällig aufgestellten Kilometermarken sorgen in diesem Streckenbereich
für etwas Verwirrung, doch die allermeisten Teilnehmer wissen auch so,
wo sie ungefähr sind. |
|
Fast
am höchsten Punkt |
Bei
km 40 ist man immer noch auf 1460m Höhe. Die nächsten zwei Kilometer geht es
mit durchschnittlich 15% Gefälle hinunter. Schnell laufen geht aber wegen des
Geländes wieder nur für die Experten wie zum Beispiel die Frauensiegerin Tanja
Krapez, die die Bergabstücke mit schlafwandlerischer Sicherheit und
atemberaubendem Tempo hinter sich bringt.
|
Auf
der folgenden, steil abfallenden „Macadamstraße“, bei der es sich
um einen grob geschotterten Weg handelt, können dann aber endlich auch
die Flachland- und Straßenläufer aufmachen. Bis zum Ortseingang
Jezersko läuft man auf sanft abfallenden Wegen. Ab hier sind es noch
etwas mehr als zwei flache Kilometer, und dann hat man es auch schon
geschafft. Am
Ziel taucht man dann wieder in die für diesen Lauf so typische
freundliche, familiäre Atmosphäre ein. Wieder ist für alle Bedürfnisse
bestens gesorgt. |
|
|
Schöne
Downhill-Passage nach mehr als 40km |
Die
Ziehharmonikamusik über Lautsprecher erinnert einen daran, dass man gerade
einen Berglauf gemacht hat. Bei einer passablen warmen Mahlzeit kann man dann
einem kleinen Festzelt mit den anderen Teilnehmern Erfahrungen austauschen, während
es draußen zu tröpfeln beginnt.
Sportlich
wird der SAM seit seiner Gründung von den Einheimischen dominiert. Der
Leistungsstand ist bei allen drei Wettbewerben hoch.
|
|
Der
Triathlon-Spezialist Damian Zepic gewinnt den 50km-Lauf in 4:08:09
Stunden, und auf den Ehrenplätzen findet man mit Toni Vencelj und Bojan
Cvajnar zwei weitere Slowenen. Auf Platz vier folgt als erster Ausländer
in 4:26:16 der junge Schweizer Daniel Bolt, der u.a. mit seinem sechsten
Gesamtplatz beim K42 in Davos schon ein Ausrufezeichen gesetzt hat.
Schnellster Deutscher ist der Bad Dürkheimer Carsten Schneehage in
5:02:31 auf Platz 15. Bei den Frauen gewinnt die bereits oben erwähnte
Tanja Krapez in 5:11:50. Damit hat sie einen komfortablen Vorsprung von
fast 33 min auf ihre nächste Konkurrentin. |
|
Kurzer
Stich nach fast 40km kann Zupancic nicht beeindrucken |
Ein
ähnliches Bild zeigt sich bei den 35km: Slowenien geizt mit Gastgeschenken und
beansprucht alle vorderen Plätze. Bei den Männern siegt Marjan Zupancic in
starken 3:01:36, bei den Frauen Olga Grm in 4:05:55. Viel Spaß hat
offensichtlich auch die Herzogenauracherin Nadine Dobry, die am Ende den vierten
Platz belegt.
|
Den
10km-Lauf gewinnt mit Roman Kejzar ein Läufer, der auf der Bahn
immerhin schon 28er-Zeiten gelaufen ist. Heute lässt er es etwas gemächlicher
angehen und begnügt sich mit einer locker herausgelaufenen 32:50. Bei
den Frauen ist Tanja Oberdank in 46:02 vorne. Von
den scheinbar langsamen Zeiten sollte man sich nicht täuschen lassen.
Abgesehen vom an sich schon respektablem reinen Höhenprofil besteht die
Strecke zu einem guten Teil aus wirklich anspruchsvollem, teilweise
crossartigem Terrain. |
|
|
Der
spätere Sieger über 50 km Damjan Zepic |
Dieses
ist, weil es unrhythmisch ist, schwieriger zu laufen als andere Bergläufe mit
viel mehr Höhenmetern wie zum Beispiel Sierre-Zinal oder der Zillertaler
Steinbocklauf.
|
|
Technisch
versierte, unempfindliche und trittsichere Läufer sind auf jeden Fall
klar im Vorteil. Jeder andere, der einen Marathon laufen kann, kommt
auch hier über die Runden, aber es wird ein ziemlich langer Vormittag.
Man erhält dafür ein ganz besonderes Naturerlebnis. Insgesamt braucht
sich der kleine SAM nicht hinter den viel bekannteren Alpen-Bergläufen
zu verstecken. Wahrscheinlich
könnte die Infrastruktur des Laufs noch einmal die gleiche Anzahl
Teilnehmer absorbieren, ohne dass der Charakter des Rennens darunter
leiden würde. |
|
Bei
diesem Anblick sind es weniger als 5km ins Ziel |
Das
Organisationsteam, das trotz der unvermeidlichen Kinderkrankheiten einer solchen
Veranstaltung einen klasse Job gemacht hat, würde alle Gäste in der gleichen
warmherzigen und persönlichen Art empfangen, wie es dieses Jahr geschehen ist.
Für
alle, die sich für den Lauf interessieren, sei schon einmal die nachfolgend
angegebene Website des Veranstalters empfohlen, auf der man sich einen guten
Eindruck über den Lauf verschaffen kann.
|
Für
LAUFREPORT berichtete Dr. Stefan Ruile Fotos:
Quelle Veranstalter Ergebnisse
und weitere Infos bei www.boltez.si/maraton Zu
aktuellen Inhalten im Laufreport klick HIER |