13.09.03 - 8. Slowenischer Alpen Marathon

Slowenischer Alpen Marathon

Heißer Tanz in den slowenischen Alpen  
  

 

Mehr als zwölf Jahre sind seit jenen denkwürdigen Tagen vergangen, an denen sich Slowenien als erste ex-jugoslawische Republik für unabhängig erklärte und weitgehend unblutig seine Staatsgründung erstritt. Heute ist Slowenien in vieler, wenn auch nicht jeder Hinsicht in der EU angekommen. Von seiner Mittelmehrküste bis zum 2800m hohen Triglav hat das Land touristisch, kulturell und kulinarisch eine Menge zu bieten.

Die etwas mehr als eine Million Slowenen sind sehr gastfreundlich, und viele sind speziell den Deutschen gegenüber positiv eingestellt – war es doch die Bundesrepublik mit dem damaligen Außenminister Genscher, die Slowenien als erster ausländischer Staat anerkannte. Außerdem gilt das Land als sportverrückt. Slowenien stellt eine überaus passable Fußballmannschaft, die sich immerhin für die letzten Welt- und Europameisterschaften qualifiziert hat, und hat eine Reihe starker Wintersportler, so zum Beispiel die Skispringer und traditionell auch die Alpinen. In Sachen Sport sagt man den Slowenen Experimentierfreude und einen leichten Hang zum Extremen nach.

Bühne frei also für den Slowenischen Alpen Marathon!

Das Rennen findet dieses Jahr bereits in der dritten Auflage statt. Im Gegensatz zu dem eine Woche vorher stattfindenden 75km-Straßenlauf Celje-Logarska Dolina, der auch zum Ultramarathon-Europacup zählt, handelt es sich beim SAM, wie ihn die Veranstalter liebevoll nennen, um einen anspruchsvollen Berg- und Geländelauf, in dem die Spezialisten und Genießer voll auf ihre Kosten kommen.

Es stehen drei Strecken über 10, 35 und 50km zur Auswahl, wobei die Königsdisziplin über 50km mit ihren +1690 / -1265m Höhenmetern schon allein von der Papierform ein Wort ist.

Start des 50km-Laufs in Preddvor

Gelaufen wird auf einem Punkt-zu-Punkt-Kurs um dem 2132m hohen Storzic durch die direkt hinter dem Karawanken-Tunnel liegenden Gemeinden Preddvor, Trzic und Jezersko. Dieses Jahr wurde mit insgesamt 237 gemeldeten Teilnehmern aus 14 Ländern und fünf (inoffiziell sogar sechs) Kontinenten drei neue Rekorde aufgestellt. Auch wurde beim 50er die magische 100-Starter-Grenze erstmals übertroffen.

Die Startnummernausgabe findet in Preddvor in dem an einem malerischen kleinen See gelegenen Hotel Bor statt. Jeder Starter wird per Handschlag begrüßt, und die ausländischen Teilnehmer werden von dem speziell für ihre Betreuung zuständigen Milan Jeler extra umsorgt.

Das gesamte Handling ist professionell, man bekommt seine Tüte mit der Startnummer und einem Hemd im Pfadfinder-Stil und SAM-Logo, für das Renn-Briefing gibt es eine Powerpoint-Präsentation, und für alle kleinen und größeren Probleme, die so vor einem Rennen auftreten können, findet sich eine Lösung. Das Startgeld ist mit je nach Wettkampf 5 bis 15 Euro moderat. Die obligatorische Pasta-Party findet auf der Terrasse direkt am See statt – keine Hektik, keine Schlangen, völlig entspannt, in fast familiärer Atmosphäre.

Der Start ist am nächsten Morgen um 8 Uhr neben der Schule von Preddvor. Nachdem es in den Tagen vorher geregnet hat und die Schneefallgrenze auf unter 2000m gefallen war, zeigt sich das Wetter nun von seiner freundlichsten Seite: es ist sonnig und frisch. Im Rennverlauf sollten Wolken aufziehen, aber etwas Regen kommt erst nachmittags, so dass man von optimalen Laufbedingungen sprechen kann.

Die ersten 16km bis Trzic läuft man in weitgehend flachem Gelände auf der Strasse oder auf, von den Slowenen „Macadam“ genannten, Schotterwegen. Es bleibt also genügend Zeit, den Rhythmus zu finden und Eindrücke von der Strecke zu sammeln. Man läuft durch Felder, Wiesen und Obstgärten, manchmal auch durch Wald. In den Dörfern und Weilern prallt das seit Jahrhunderten gleich gebliebene, bäuerliche Leben auf die moderne heutige Lebensweise. Auffällig ist auch die hohe Bautätigkeit – fast jedes zehnte Haus ist ein Rohbau.

Macadam vom feinsten

Nur eine Handvoll Zuschauer wollen unser Treiben wirklich sehen, von der alten Frau, die im Garten ein paar Äpfel sammelt, oder den jungen Bauarbeitern bekommen die Läufer aber ein freundliches Winken oder ein anerkennendes Kopfnicken. Verpflegungsstellen haben die auch in dieser Hinsicht professionellen Veranstalter mehr als genug eingerichtet. Es gibt ungefähr alle drei Kilometer Wasser, Elektrolyt, Tee sowie Bananen- und Müsliriegelstücke. Wir Läufer fühlen uns in guten Händen.

In Trzic, wo auch der Start des 35km-Laufs ist, trifft man auf eine größere Gruppe Zuschauer, die richtig Stimmung machen. Sehr nett! Auch in der Stadt ist die Strecke nicht abgesperrt, so dass man teilweise um Fußgänger, Radfahrer und im Schritttempo fahrende Autos kurvt – was aber nicht weiter stört. Am Ende des Orts läuft man ein paar hundert Meter hoch, bis man bei genau 16,9km von zwei Streckenposten nach rechts gewiesen wird. Auf den ersten Blick sieht man, dass ab hier Schluss mit Lustig ist: man läuft fast in der Falllinie auf einem Pfad durch dichten Wald den Berg hoch.

Die teilweise sehr steilen Passagen erinnern etwas an das Anfangsstück von Sierre-Zinal, mit dem Unterschied, dass die Pfade nicht so wegsam sind. Sie sind teilweise sehr eng, an manchen Stellen gibt es sehr viele Wurzeln, anderswo wieder diesen groben Schotter. Das macht das Laufen manchmal etwas unrhythmisch. Auf den nächsten 8,8km klettert man auf diese Weise fast 1000 Höhenmeter, bis man auf der Alm Sija den ersten Steigungsteil geschafft hat. Die Spitzenläufer kommen hier nach ungefähr zwei Stunden vorbei.

Girls having fun – Nadine Dobry und Mary Chambers
bei km 10 des 35ers

Bis ungefähr 35km läuft man anschließend in einer wirklich wunderschönen Mittelgebirgslandschaft. Da man in der Nähe der Baumgrenze läuft, hat man öfters einen tollen Blick über die slowenischen Alpen.

Hier oben läuft man von Alm zu Alm und teilt sich die Strecke dabei manchmal mit Vierbeinern, die den ganzen Tag „Alpin laufen“: die Bauern haben Kühe, Schafe und Ziegen. Hier oben ist auch ein geniales, leider nur 200 oder 300m langes Stück, das der Favorit einer Menge Teilnehmer ist. Es handelt sich um eine fast topfebene Alm mit unwirklich grünem, ganz kurzem Gras, das jedem Green eines englischen Golfplatzes Ehre machen würde. Die Greenkeeper sind weiß mit schwarzen Flecken und halten sich auf Distanz, und die Teilnehmer schweben oder fliegen mit entrücktem Lächeln im Gesicht über den Abschnitt. Klasse.

Tanja Krapez, schnellste Frau über 50km
Speziell bergab eine Wucht

Für den Anstieg zum höchsten Punkt auf 1665m bei km 37,1 muss man noch mal fast 300m hoch. Der Streckenposten in der Steigung gewinnt den Preis für den originellsten Service, reicht er einem doch die Drinks in voller Montur einschließlich Mütze und Handschuhe auf einem Tablett. Abgesehen davon hat man auf diesem Abschnitt relativ wenig zu lachen, denn neben der Steigung schlägt man sich nun auch mit heftigem Gegenwind herum.

An der Staatsgrenze nach Österreich dreht man wieder ab und erreicht bald eine Art Hochplateau, auf dem man für die nächsten Kilometer bleibt. Dieser Bereich der Strecke mit seinem anspruchsvollen Untergrund würde wieder so manchem Crosslauf alle Ehre machen. Richtig schnell laufen können hier nur technisch wirklich versierte, sehr trittsichere Läufer. Für alle anderen geht’s eben etwas langsamer. Die hier anscheinend mehr zufällig aufgestellten Kilometermarken sorgen in diesem Streckenbereich für etwas Verwirrung, doch die allermeisten Teilnehmer wissen auch so, wo sie ungefähr sind.

Fast am höchsten Punkt

Bei km 40 ist man immer noch auf 1460m Höhe. Die nächsten zwei Kilometer geht es mit durchschnittlich 15% Gefälle hinunter. Schnell laufen geht aber wegen des Geländes wieder nur für die Experten wie zum Beispiel die Frauensiegerin Tanja Krapez, die die Bergabstücke mit schlafwandlerischer Sicherheit und atemberaubendem Tempo hinter sich bringt.

Auf der folgenden, steil abfallenden „Macadamstraße“, bei der es sich um einen grob geschotterten Weg handelt, können dann aber endlich auch die Flachland- und Straßenläufer aufmachen. Bis zum Ortseingang Jezersko läuft man auf sanft abfallenden Wegen. Ab hier sind es noch etwas mehr als zwei flache Kilometer, und dann hat man es auch schon geschafft.

Am Ziel taucht man dann wieder in die für diesen Lauf so typische freundliche, familiäre Atmosphäre ein. Wieder ist für alle Bedürfnisse bestens gesorgt.

Schöne Downhill-Passage nach mehr als 40km

Die Ziehharmonikamusik über Lautsprecher erinnert einen daran, dass man gerade einen Berglauf gemacht hat. Bei einer passablen warmen Mahlzeit kann man dann einem kleinen Festzelt mit den anderen Teilnehmern Erfahrungen austauschen, während es draußen zu tröpfeln beginnt.

Sportlich wird der SAM seit seiner Gründung von den Einheimischen dominiert. Der Leistungsstand ist bei allen drei Wettbewerben hoch.

Der Triathlon-Spezialist Damian Zepic gewinnt den 50km-Lauf in 4:08:09 Stunden, und auf den Ehrenplätzen findet man mit Toni Vencelj und Bojan Cvajnar zwei weitere Slowenen. Auf Platz vier folgt als erster Ausländer in 4:26:16 der junge Schweizer Daniel Bolt, der u.a. mit seinem sechsten Gesamtplatz beim K42 in Davos schon ein Ausrufezeichen gesetzt hat. Schnellster Deutscher ist der Bad Dürkheimer Carsten Schneehage in 5:02:31 auf Platz 15. Bei den Frauen gewinnt die bereits oben erwähnte Tanja Krapez in 5:11:50. Damit hat sie einen komfortablen Vorsprung von fast 33 min auf ihre nächste Konkurrentin.

Kurzer Stich nach fast 40km kann Zupancic nicht beeindrucken

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den 35km: Slowenien geizt mit Gastgeschenken und beansprucht alle vorderen Plätze. Bei den Männern siegt Marjan Zupancic in starken 3:01:36, bei den Frauen Olga Grm in 4:05:55. Viel Spaß hat offensichtlich auch die Herzogenauracherin Nadine Dobry, die am Ende den vierten Platz belegt.

Den 10km-Lauf gewinnt mit Roman Kejzar ein Läufer, der auf der Bahn immerhin schon 28er-Zeiten gelaufen ist. Heute lässt er es etwas gemächlicher angehen und begnügt sich mit einer locker herausgelaufenen 32:50. Bei den Frauen ist Tanja Oberdank in 46:02 vorne.

Von den scheinbar langsamen Zeiten sollte man sich nicht täuschen lassen. Abgesehen vom an sich schon respektablem reinen Höhenprofil besteht die Strecke zu einem guten Teil aus wirklich anspruchsvollem, teilweise crossartigem Terrain.

Der spätere Sieger über 50 km Damjan Zepic

Dieses ist, weil es unrhythmisch ist, schwieriger zu laufen als andere Bergläufe mit viel mehr Höhenmetern wie zum Beispiel Sierre-Zinal oder der Zillertaler Steinbocklauf.

Technisch versierte, unempfindliche und trittsichere Läufer sind auf jeden Fall klar im Vorteil. Jeder andere, der einen Marathon laufen kann, kommt auch hier über die Runden, aber es wird ein ziemlich langer Vormittag. Man erhält dafür ein ganz besonderes Naturerlebnis. Insgesamt braucht sich der kleine SAM nicht hinter den viel bekannteren Alpen-Bergläufen zu verstecken.

Wahrscheinlich könnte die Infrastruktur des Laufs noch einmal die gleiche Anzahl Teilnehmer absorbieren, ohne dass der Charakter des Rennens darunter leiden würde.

Bei diesem Anblick sind es weniger als 5km ins Ziel

 

Das Organisationsteam, das trotz der unvermeidlichen Kinderkrankheiten einer solchen Veranstaltung einen klasse Job gemacht hat, würde alle Gäste in der gleichen warmherzigen und persönlichen Art empfangen, wie es dieses Jahr geschehen ist.

Für alle, die sich für den Lauf interessieren, sei schon einmal die nachfolgend angegebene Website des Veranstalters empfohlen, auf der man sich einen guten Eindruck über den Lauf verschaffen kann.

Für LAUFREPORT berichtete Dr. Stefan Ruile

Fotos: Quelle Veranstalter

Ergebnisse und weitere Infos bei www.boltez.si/maraton

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